Ausgabe in deutscher Sprache
Intendance Palace
Intendance Palace

Rückblick auf die Kunst, den Tisch zu beherrschen

Die Kunst der Tafel

Das weiße Gold der Imperien 6/6: Die zeitgenössische Staatstabelle

Auch im 21. Jahrhundert bleibt Geschirr ein diskretes, aber unverzichtbares Instrument der globalen Diplomatie.

Hinter jedem Staatsessen vermittelt der Tisch weiterhin eine Vision von Macht, Vornehmheit und nationaler Identität. Porzellan, Kristall und Protokoll sind nicht Teil des Dekors: Sie nehmen voll und ganz an der zeitgenössischen politischen Sprache teil.

Das 20. Jahrhundert hat diese Ästhetik grundlegend erneuert. Das deutsche Bauhaus führte einen auf Funktionalität und Reinheit der Linien basierenden Ansatz ein, der bald durch skandinavisches Design und große europäische Hersteller erweitert wurde.

Doch die Modernität des Tisches wird nicht nur im Westen geschrieben. In Russland spielt die kaiserliche Porzellanmanufaktur Sankt Petersburg – 1744 unter Kaiserin Elisabeth Petrowna gegründet und in der Sowjetzeit als Lomonossow-Manufaktur bekannt – weiterhin eine zentrale Rolle in der Repräsentation des russischen Staates. Seine offiziellen Gottesdienste, die imperiales Erbe, Kobaltmotive und neoklassizistische Ästhetik verbinden, begleiten weiterhin große Empfänge im Kreml und zeitgenössische diplomatische Zeremonien.

In Frankreich ist die Manufacture nationale de Sèvres nach wie vor eines der wichtigsten Symbole dieser Diplomatie der dekorativen Künste.

Das 2018 in Auftrag gegebene Service „Bleu Élysée“ verdeutlicht diesen Wunsch, Erbe, zeitgenössische Kreation und republikanische Repräsentation zu verbinden.

Diese Logik ist auch in China, Japan, den Golfmonarchien und sogar in den großen afrikanischen Präsidentenresidenzen sehr präsent, wo der Tisch traditionell ein Instrument des Prestiges und der kulturellen Souveränität ist.

Heute arbeiten die Verantwortlichen mit Designern, Kunsthandwerkern und Herstellern zusammen, um charakteristische Tische zu schaffen, bei denen zeitgenössischer Minimalismus, japanische Einflüsse von Wabi-Sabi, die Rückkehr von handwerklichem Steinzeug und die Förderung lokalen Know-hows nebeneinander bestehen.

Für einen Palastverwalter eines Staatsoberhauptes sind diese Entscheidungen nach wie vor äußerst strategisch. Ein Porzellan aus Sankt Petersburg, ein Kristall aus Saint-Louis, ein japanischer Lack oder ein Service aus Sèvres erzählen nicht nur eine ästhetische Geschichte: Sie projizieren ein Bild des Landes, seines Erbes und seiner Vision von Macht.

Der zeitgenössische Staatstisch bleibt somit einer der letzten Räume, in denen Kunst, Protokoll und Diplomatie weiterhin mit einer Stimme sprechen.